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Octocorallia - Achtstrahlige Korallen - Teil 2

Umbellulifera Stamm ca. 45 cm lang

In Teil 2 berichtet der bekannte Autor, Joachim Großkopf über die Verträglichkeiten der Korallen untereinander, nimmt Bezug auf Terpene und Fische, aber auch wie es mit der Fortbewegung aussieht.

Liebe Leserinnen und Leser

 

Teil 1 finden Sie hier nochmals zum nachlesen:

und weiter geht es mit

 

Teil 2 - Octocorallia - Achtstrahlige Korallen


Chemische Fabriken

Verträglichkeiten / gegenseitiges Nesseln

Ein spannendes Thema ist welche Tiere und Algen im Meer was für chemische Stoffe produzieren oder aus der Nahrungskette anreichern. Die berüchtigte Ciguatera-Vergiftung in Speisefischen ist der bekannteste Fall für eine Anreicherung von einem Giftstoff über die Nahrungskette. Ein schönes Beispiel sind die Nacktschnecken die stark nesselnde Blumentiere oder Schwämme fressen und  in ihrem Körper die jeweiligen Gifte speichern. Was hat das nun mit achtstrahligen Korallen zu tun? In den letzten Jahrzehnten begann man damit in den Meeren nach Organismen zu suchen, die eventuell medizinisch wirksame Naturtoffe produzieren.

Zu den untersuchten Tieren gehören verschiedene Blumentiere, unter anderem auch achtstrahlige Korallen wie Weich- oder vor allem die Hornkorallen. Shena, Tzengb, Kuoc  und Khalila (2008) beschreiben die Cytotoxizität eines Terpenes (sesquiterpene capnellene-8_,10_-diol), das aus Capnella sp. isoliert wurde. Soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, wurde bisher nicht untersucht welchen Nutzen den Oktokorallen diese Substanzen bringen. Doch ist es plausibel, dass sie gegen Fressfeinde, Parasiten oder eventuell gefährlich werdende Mikroben, Pilze und Algen produziert werden. Im Laufe ihrer Entwicklung mussten sie verschiedenste Abwehrmechanismen entwickeln.

Zum Beispiel können sie sich stark zusammenziehen, viele können sich häuten, einige produzieren spitze Kalknadeln, manche schleimen stark und sie produzieren eben alle möglichen chemischen Stoffe. Im Gegensatz zu den Steinkorallen schützt Oktokorallen nur in wenigen Fällen (alle Arten mit spitzen abstehenden Kalknadeln) ihre Wuchsform.

 

Umbellulifera Stamm ca. 45 cm lang

Umbellulifera

 

Für Acropora-Steinkorallen sind das harte Kalkskelett und die raspelartig vorstehenden Koralliten ein recht guter Abwehrmechanismus. Nesselgifte (siehe auch unter Stichwort bei Wikipedia) scheinen bei der Abwehr von Fressfeinden keine Rolle zu spielen. Den Nesselgiften gibt man im  Allgemeinen die Schuld für die Anfälligkeit mancher Fische für „Pünktchen“ im Riffbecken. Ich bezweifle das aber, zumindest liegt darüber kein Nachweis vor. Die Anfälligkeit der Korallenfische im Riffbecken für Cryptocarion kann also durchaus ganz andere Ursachen haben, als im Wasser gelöstes Nesselgift, das übrigens ja als Neurotoxin wirkt, wie sollte dadurch eine Wirkung auf die Schleimhäute (sie sind der wichtigste Schutz der Fische) erklärt werden.

Ich vermute eher in anderen Naturstoffen die Ursache. Im Tierreich und Pflanzenreich weit verbreitet sind Terpene (Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Terpene).

Viele tausende Verbindungen sind bekannt. Fehler (2005) beschreibt eine ganze Reihe davon. Unter anderem auch, dass 2002 viele chemische Naturstoffe aus Coelenteraten isoliert wurden, davon waren 80% terpenoiden Ursprungs. Wieso die Blumentiere oder ihre Vorfahren diese Verbindungen produzieren? Vielleicht weil sie nicht so einfach wasserlöslich sind. Ein ungemeiner Vorteil für  im Wasser lebende Organismen. So wird das Auswaschen in das umgebende Medium gemindert. Terpene können alle möglichen Wirkungen haben. Bekannt ist, dass manche antimikrobiell wirksam sind.

Auf Fische können Terpene wahrscheinlich einen Brechreiz auslösen. Beobachten konnte ich das bei einigen Korallenfischen (Pomacanthus navarchus, Pygoplites diacanthus, Zanclus cornutus). Der exakte  Nachweis war mir nicht möglich und spielt letztlich für mich auch keine Rolle. Fische lernen sehr schnell und so werden diese Blumentiere schnell verschmäht, während andere weiterhin angefressen werden, obwohl sie vielleicht sogar derselben Gattung angehören. Vor allem Sarcophyton spp. unterscheiden sich anscheinend erheblich.

Ich konnte regelmäßig feststellen, dass die Kolonien völlig verschieden behelligt wurden. Leider hatte ich damals noch keine exakte Literatur zur Bestimmung. Klyxum ssp. wird ebenfalls von vielen Fischen verschmäht.  Die Fische sind vermutlich in der Lage heilende Eigenschaften zu erkennen. So musste ich mehrfach und wiederholt erleben, dass bis dato unbehelligte Oktokorallen komplett aufgefressen wurden. So passierte mir das zweimal mit Zanclus cornutus, die azooxanthellate Hornkorallen (Astrogorgia sp., Menella sp.) die ich unter großen Mühen über Jahre gepflegt hatte, innerhalb weniger Stunden zerstörten. Pygoplites diacanthus, Zebrasoma xanthurum und Acanthurus sohal haben überraschend nach Jahren Xenia umbellata Kolonien vollständig gefressen.

Ich meine, die Fische sind damit in der Lage selbst Krankheiten zu bekämpfen. Besonders die so genannte Lochkrankheit tritt in Riffbecken kaum einmal auf. Ich konnte mit dem Wasser aus Riffbecken, in dem viele Weichkorallen lebten, sogar die Lochkrankheit in Fischbecken ausheilen! Niemand hat bisher für diese Erkrankung eine plausible Erklärung bewiesen. Ich vermute eine durch Darmparasiten verursachte Stoffwechselstörung, ähnlich wie bei Diskusbuntbarschen (Symphysodon ssp.) im Süßwasser. Die ähnlichen Flosseneinschmelzungen mancher Doktorfische scheinen jedoch andere Ursachen zu haben. Sollte es tatsächlich so sein, dass die Fische gezielt die Blumentiere suchen und fressen, wäre das fast eine Sensation.

 

Heliopora coerulea und violette Pterogorgia guadalupensis

Euplexaura sp. nicht Guiagorgia

 

Besonders die Hornkorallen sind anscheinend Produzenten aller möglichen Verbindungen. Prostaglandin wurde aus Plexaura-Hornkorallen isoliert. (Beress 1982). Beress beschreibt auch Lophotoxin aus Lophogorgia sp. als Neuromuskulären Blocker und  Sinularin (cytotoxisch) aus Sinularia spp.. Viele der von Algen, Tieren, Bakterien im Meer produzierten Stoffe haben jedoch bekannt positive Auswirkungen und fungieren als Schutzkolloide oder Inhibitoren für anfallende Gifte. Neben der grundsätzlichen Zusammensetzung von künstlichen Meersalzmischungen, ist es gerade das gänzliche oder teilweise Fehlen dieser im natürlichen Meerwasser enthaltenen Verbindungen, der entscheidende Unterschied.

Achtstrahlige Korallen sind untereinander erstaunlich verträglich. Obwohl die Arten die mit Zooxanthellen in Symbiose leben, gar nicht so nahe miteinander verwandt sind, habe ich noch nie wirkliche Vernesselungen oder gegenseitiges Verdauen beobachten können. So wie das bei den mehrstrahligen Korallen (Steinkorallen, Anemonen, Scheibenanemonen) ja eher die Regel ist. Xeniiden haben manchmal Probleme bei direktem Kontakt mit anderen achtstrahligen Korallen.

 

Anthelia

vermutlich Anthelia

 

Klyxum sp. (früher auch unter Cladiella, Alcyonium bekannt) sind anscheinend recht offensiv. Sie schleimen stark ab und können bei Berührung andere Weichkorallen schädigen. Dominierende große Klyxum sp.,  Litophyton cf. arboreum und Nephthea sp. können bei Berührung andere Weichkorallen dazu bringen, die Polypen geschlossen zu halten. Capnella sp. (Kenia-Bäumchen) ist fähig andere Oktokorallen zurück zu drängen, vielleicht sind dabei auch Terpene von Bedeutung? Reinicke (1995) hat in seiner umfangreichen Arbeit Feldversuche mit verschiedenen Xeniiden untereinander und zu Steinkorallen (Scleractinia) beschrieben. Die, die manchmal geäußerte Meinung, Xeniiden sind „offensive Korallenwürger“ zumindest nicht erhärtet, sondern eher das Gegenteil vermuten lässt.

 

 

Klyxum

Klyxum oder Cladiella

 

 

 

Link: http://www.biolbull.org/cgi/reprint/171/3/565.pdf?ck=nck
Link: http://www.int-res.com/articles/meps/28/m028p147.pdf
http://www.itg.be/itg/DistanceLearning/LectureNotesVandenEndenE/46_Marine_biotoxinsp9.htm#T1
http://www.rsc.org/delivery/_ArticleLinking/DisplayArticleForFree.cfm?doi=a804633f&JournalCode=NP

Journal of the Chinese Chemical Society, 2008, 55, 828-833:
http://proj3.sinica.edu.tw/~chem/servxx6/files/paper_3043_1231999827.pdf
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18584259

Reinicke, G.B.,1995, Die Xeniidae des Roten Meeres (Octocorallia, Alcynonacea), Beiträge zur Sytematik und Ökologie, Westarp-Wies, Magdeburg.

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Isolierung und Strukturaufklärung von marinen Sekundärmetaboliten aus Kaltwasserschwämmen und Korallen; Fehler, Karsten(2005): DISSERTATION zur Erlangung des Doktorgrades des Fachbereichs Chemie der Universität Hamburg.
http://dragon.chemie.uni-hamburg.de/bibliothek/2005/DissertationFehler.pdf


BIOLOGICALLY ACTIVE COMPOUNDS FROM COELENTERATES;
Laszlo Beress (1982): Institute of Toxicology, University of Kiel, 23 Kiel, W. Germany 1982
http://www.iupac.org/publications/pac/1982/pdf/5410x1981.pdf

 

 

Knopia octocontacanalis

Laichende Pseudopterogorgia acerosa

 

Tubipora musica mit Wachstum im Aquarium

Tubipora musica

 


Können sich Achtstrahlige Blumentiere aktiv fortbewegen?

Zumindest  die angehörigen einer Ordnung können das fast alle, die Seefedern (Ordnung Pennatulacea). Vor allem deshalb hatte ich mit diesen in der Regel keine Haltungserfolge. Nur wenige konnte ich über vielleicht sechs Monate bei halbwegs guter Kondition erhalten. Eventuell denkbar ist eine aktive Fortbewegung bei den Studeriotes-Weichkorallen, die mit ihrer spitzen Basis relativ lose im Boden verankert sind. Umbellulifera hat im Sand ebenfalls nur eine sehr kurze Verankerung. Hier ist es vielleicht denkbar, dass schlechte Siedlungsplätze mit Hilfe der Strömung driftend verlassen werden. Allerdings konnte ich das bei meinen wenigen Versuchen mit dieser Gattung nicht im Aquarium beobachten.

Neuere Fotos die mir vorgelegt wurden zeigten nie Umbellulifera sondern immer nur Dendronephthya die auf Sand- oder Schlickböden stammten. Zumindest eine achtstrahlige Weichkoralle kann sich aktiv fortbewegen: Xenia umbellata.

Xenia umbellata

Xenia umbellata

 

Wanderungen von Xenia

Immer wieder kommt es vor, dass einen die Xenia-Weichkorallen narren. Entfernt man auch einer dichten Gruppe einen Stein dauert es nur kurze Zeit ehe die offene Stelle geschlossen wird. Ganz sicher hat sich schon fast jeder gewundert wie schnell die sich vermehren. Aber hier handelt es sich nicht um Vermehrung. Die Xenien gehören zu den wenigen Oktokorallen die aktiv wandern können, ähnlich den Seeanemonen, wenn auch nicht so schnell!

Vor Jahren hatte ich deshalb einmal ganz bewusst die Frontscheibe eines Aquarium von Xenia umbellata bewachsen lassen. Sobald die ersten Kolonien knapp über dem Boden an der Scheibe festgewachsen waren, markierte ich die Stelle mit schwarzem Filzschreiber. Nach etwa 4 Wochen erfolgte das beigefügte Foto.

Markierte Wanderungen von Xenia umbelata

Die Linien zeigen dabei wie und in welche Richtung die Xenien weggewandert sind. Diese Fähigkeit haben die Xenien anscheinend entwickelt um im Riff möglichst dem Licht entgegen zu kommen. Ich musste immer wieder auch feststellen, dass verschiedene Steinkorallen von Xenia umbellata von der Basis her bedrängt und schließlich abgetötet wurden. Zumindest Xenia umbellata ist ein „Korallenwürger“. Man sollte also immer darauf achten, dass Xenien nicht an der Basis von SPS-Korallen wachsen. Vermutlich sind zu dieser aktiven Fortbewegung noch andere Xenia-Arten befähigt.

 

Ende Teil 2

Mit salzigen Grüßen

Joachim Großkopf

Anmerkung der Redaktion:

Joachim Großkopf unterhält auch einen Internetshop für Technik und lebende Tiere.

Der Link dazu: http://www.grostar-aquaristik.de/

Schauen Sie ruhig mal rein. Joachim Großkopf genießt einen ausgezeichneten Ruf was den Versand von Tieren angeht.

 



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