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Philippinische Korallenfarm


Philippinische Korallenfarm:

Die Umweltzerstörungen auf den Philippinen geraten immer wieder in die Schlagzeilen. Besonders hartnäckig sind Meldungen über destruktive Fischfangpraktiken und die ernste Bedrohung der Korallenriffe. Nur noch 2,4 % der Riffe dort sind in sehr gutem Zustand und die zerstörerische Ausbeutung hält weiter an. Mit einem neuen Konzept des „Korallenfarmings“ arbeitet die meersbiologische Abteilung der Universität San Carlos (USC) in Cebu City, gefördert durch deutsche Entwicklungshilfeorganisationen, an einer neuen Alternative.

„Sige na lang, Claude”, sind die freundlichen Worte von Macario und dann schubst er mich energisch in das kristallklare und 29 Grad warme Wasser. Sofort werde ich von einem Schwarm mehreren Hundert Feldwebelfischen neugierig beäugt. Am Verankerungsseil steht tatsächlich, wie von Macario angekündigt, eine Gruppe von etwa 40 großen Barrakudas majestätisch und regungslos im Wasser. Ich öffne das Auslassventil und sinke langsam auf den sonnendurchfluteten Sandboden. Endlich bin ich am Ziel meiner Reise: Vor mir breitet sich auf 2 Hektar Fläche die erste philippinische Korallenfarm aus.

Sie wurde Ende 1997 mit 2000,- DM „Anschubfinanzierung“ des Förderkreis Korallenriff e. V. (Dr. Jochen Lohner und Daniel Knop) begonnen, bis die GTZ(tropenökologisches Begleitprogramm) aus den Mitteln der 4. Sonderbriefmarke zum Umweltschutz und die Deutsche Botschaft in Manila ab 1998 das Projekt umfassend förderten.

Mein Tauchpartner, Dr. Thomas Heeger, wissenschaftlicher Leiter des Farmprojektes, ist bereits bei den ersten Jungkorallen und winkt aufgeregt. Er deutet auf eine Gruppe verschiedener Steinkorallenarten, die sich in quadratischen Aufzuchtabteilungen aus Zement befinden.

Die Jungkorallen sind mit Draht auf fossilem Kalkstein befestigt. Bei genauer Untersuchung entdecke ich, dass die Korallen bereits begonnen haben, das Substrat zu überwachsen. Thomas zeigt auf ein Acropora echinata Fragment, das zur beachtlichen Kolonie von etwa 50 cm Höhe herangewachsen ist. Mir fällt das vielfältige Leben in der Farm auf. Um uns herum prächtige Riff-Fische und zwischen den Jungkorallen zahlreiche Krebse und Schnecken. Sobald wir die Kolonien anheben, stürzen sich bunte Lippfische gierig auf Würmer und andere Wirbellose von den freiliegenden Unterseiten der Substrate. Interessant ist, dass nicht nur verzweigte Korallen in der Farm vorkommen, sondern massive, krusten-, säulen- und schüsselförmig wachsende Arten ebenso zu finden sind, wie im gesunden Riff.

„Natürlich sind die Wachstumsraten deutlich langsamer bei massiven Arten wie z. B. Hirnkorallen. Es kann schon 3 bis 6 Monate dauern, bis ein neuer Polyp gebildet wird. Insgesamt“, so erzählt mir Joey Gatus, frisch gebackener Meeresbiologe an der USC, nach dem Tauchgang, sind über 300 Aufzuchtabteilungen und etwa 24.000 Fragmente von mehr als 90 Arten in der Farm“.

Dr. Filipina Sotto, langjährige charmante Leiterin der USC Marine Biology, schildert mir detailliert einen typischen Arbeitstag in der Korallenfarm (s. Kasten ganz unten). „Und was geschieht mit den Korallen, wenn sie am Substrat festgewachsen sind?“, frage ich Filipina.

Sie erklärt, dass bisher mehr als 10.000 Korallenkolonien von der Farm in geschädigte Riffe ausgesetzt wurden und zur Zeit viele Anfragen für neue Rehabilitierungsmaßnahmen vorliegen. Dies ist genau die Aufgabe der Korallenfarm: auf der einen Seite schafft sie gute Einkommensmöglichkeiten für Fischerfamilien und gleichzeitig werden Riffe rehabilitiert. Die Jungkorallen bieten sofort Schutz bzw. neuen Lebensraum (Mikrohabitate) für Fische und Wirbellose, verbessern die Überlebensraten von sexuell erzeugten Korallenlarven und reduzieren den Druck auf die natürlichen Ressourcen (Tab. 1). Die Fischer müssen nicht mit allen Mitteln Fische fangen, sondern verdienen ihren Lebensunterhalt mit „Korallenanbau“: Luceno Torriefel, Präsident der Korallenfarmer, bemerkte dazu: „Vor ein paar Jahren haben wir noch mit Cyanid kleine Riff- Fische und Korallen vergiftet, heute pflegen wir sie und schaffen neuen Lebensraum“ (Schätzungen gehen davon aus, dass auf den Philippinen pro Jahr etwa 150 Tonnen Cyanid unter Wasser verspritzt werden).

Wissenschaftlich betrachtet ist die Idee der Korallenfarm nicht neu. Seit über 30 Jahren ist durch Erkenntnisse aus Forschungsarbeiten und Beobachtungen von Aquarianer bekannt, dass Korallen unter günstigen Bedingungen hervorragend wachsen und das Abtrennen kleiner Kolonieteile, im Fachjargon „fragmentieren“ genannt, problemlos tolerieren. Neu ist allerdings die Einbindung der Küstenbevölkerung, die es ermöglicht, Riffrehabilitierung im großen Stil zu finanzieren. Vergleicht man den nutzbaren Wert eines Riffs (Fischereiertrag, Tourismus, Biodiversität, Küstenschutz), der bei gesunden Riffen zwischen rund 300 und mehr als 1.000 US$ pro Jahr und Hektar betragen kann, erscheinen die Rehabilitierungskosten von 2.000 US$ pro Hektar als berechtigte Langzeitinvestition. Die sozialen Vorteile des Projektes für die Küstenbewohner liegen einmal auf der Einkommensquelle und natürlich auf dem wachsenden Bewusstsein, proaktive Verantwortung für die eigenen Ressourcen zu übernehmen. In der Dorfgemeinschaft ist die Akzeptanz des Projektes außerordentlich hoch, weil die Fischer und ihre Familien durch ihre Arbeit auf dem Meer mit den traditionellen Werten verbunden bleiben (Tab. 1).

Ein wichtiges Ziel des Projektes ist es, die notwendigen finanziellen Mittel für Betrieb, Instandhaltung und Investitionen durch die Farmaktivitäten zu erwirtschaften. Dies ist über den Verkauf der Fragmente für die Riffrehabilitation möglich. Bisher haben Dorfgemeinschaften und große Hotels Farmkorallen erworben und Riffabschnitte rehabilitieren lassen. Langfristig ist die großflächige Bestückung geschädigter Riffe mit Korallen aus Farmen durch nationale oder internationale Investitionen, wie sie für Infrastruktur veranschlagt werden, denkbar, aber bisher politisch nicht akzeptiert.

Eine weitere gute Vermarktungsmöglichkeit wäre die Riffaquaristik. Verantwortungsbewusste Aquarianer würden sicherlich farmgezüchtete Korallen den Naturentnahmen vorziehen. Mit dem Erlös könnten gleichzeitig die Riffrehabilitierungsmaßnahmen finanziert werden. Leider verbieten philippinische Gesetze bisher jede Entnahme, Transport oder Handel mit Korallen. Es bleibt zu hoffen, dass die Behörden sich vom Konzept, das soziale und ökologische Vorteile für alle beteiligten Seiten liefert, einsehen, und entsprechende Erweiterungen der Gesetzte beschließen.


Die Korallenfarm ist seit einigen Monaten unter der Obhut von International Marinelife Alliance (IMA), die 1985 zum Schutz der Biodiversität und nachhaltiger Nutzung mariner Ressourcen gegründet wurde. IMA plant, das erfolgreiche Korallenfarmkonzept auch auf andere Länder zu übertragen.

Ökologischer und Sozioökonomischer Nutzen von Korallenfarmen und Riffrehabilitierung.

Ökologischer Nutzen
Erhöhung der Korallenbiomasse
Erhöhung der Riffproduktivität
Bewahrung der Artenvielfalt
Schaffung von Keinstlebens-räumen
Steigerung der Überlebens-raten von Korallenlarven
Verminderter Druck auf Fischbestände
Reduktion destruktiver Fangtechniken

Sozioökonomischer Nutzen
Einkommensquelle
Traditionelle Werte bleiben erhalten
Familien arbeiten gemeinsam
Nachhaltige Nutzung eigener Ressourcen
Verstärkung des Verantwortungsgefühls der Dorfgemeinschaft für Ressourcen
Besseres Wissen über ökologische Zusammenhänge
Einhaltung der Fischereigesetze


Ein typischer Arbeitstag eines Korallenfarmers: Um 8 Uhr treffen sich die Fischer und Projektmitarbeiter auf der mit Fischmotiven bemalten Arbeitsplattform des schwimmenden Korallenfarmhäuschens zum Briefing. Je nach Wind- und Wetterlage wird sich für ein geeignetes „Korallenspendergebiet“ entschieden und mit Tauchausrüstung, Styroporwannen, Plastikkörben, Hammer und Meißel in das Zielgebiet gefahren. Nach 30 bis 40 min Fahrt mit dem Auslegerboot fällt der Anker im flachen Wasser.

Die Taucher werden in Teams von jeweils 2 Personen eingeteilt und die Tauchzeit auf 1 Stunde und maximal 15 m Tiefe begrenzt. Unter Wasser werden behutsam 8 bis 10 cm große Fragmente von gesunden Kolonien entnommen und in die mitgeführten Plastikkörbe gelegt. Von den Kolonien werden in der Regel nur etwa 20 % entnommen, in keinem Fall mehr als die Hälfte. Langzeitversuche haben bewiesen, dass die Mutterkolonien, gemäß der arteigenen Symmetrie, wieder vollständig nachwachsen. In der einstündigen Tauchzeit entnimmt ein Team (2 Fischer) etwa 500 Fragmente. An Bord werden die Korallen sofort in seewassergefüllte Wannen umgesetzt und zur Farm transportiert. Dort warten 10 bis 15 Fischerfrauen auf die Fragmente. Sie haben die Substrate (fossiler Kalkstein aus Steinbrüchen) und entsprechende Drahtstücke vorbereitet und beginnen sofort mit der Arbeit. Jedes Korallenfragment wird auf dem Kalkstein fest mit Draht fixiert. Die Drahtenden werden mit der Zange verzwirbelt, überstehende Reste abgezwickt und die fertigen Fragmente von der Plattform ins Wasser geworfen. Die Taucher sammeln die Jungkorallen ein und transportieren sie mit Plastikkörben zu den Aufzuchtabteilungen. Anschließend werden Reinigungsarbeiten vorgenommen und bereits festgewachsene Kolonien zusammengefasst. Auf diese Weise werden die geeigneten Korallen beim nächsten Riffrehabilitierungs-Vorhaben schneller eingesammelt. Pro Tag können leicht 1.500 bis 2.000 Fragmente entnommen, fixiert und ausgebracht werden. Die Männer und Frauen verdienen durch ihre Tätigkeit als Korallenfarmer einen Tageslohn, der den Durchschnittsverdienst eines philippinischen Arbeiters deutlich übersteigt.


Dieser Artikel ist am 05.08.2007 erschienen

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