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Turbellarienbefall - Risiken chemischer Behandlung Teil 2


In unserem Turbellarien-Beitrag in der vorausgegangenen KORALLE-Ausgabe führten wir einige Möglichkeiten auf, ohne „chemische Keule“ eine Turbellarienplage zu kontrollieren. Schon beim Verfassen des Berichtes war ein medikamentöser Behandlungsversuch geplant, über den in einem weiteren Beitrag berichtet werden sollte. Dabei sollte der Wirkstoff Levamisol getestet werden, ein Anthelminthikum, das in der Tiermedizin zur Wurmbehandlung eingesetzt wird und beispielsweise in den Medikamenten Concurat L, Citarin und Niratil enthalten ist. Wir entschieden uns für letzteres, um herauszufinden, welche Schäden die chemische Behandlung einer Turbellarienplage im Aquarium unter den übrigen Organismen verursachen kann. Eines der Hauptprobleme einer solchen Maßnahme ist die Toxinabgabe der sich zersetzenden, abgestorbenen Turbellarien. Ein weiteres Problem ist, und darum geht es in diesem Artikel, dass Levamisol nicht nur auf die Turbellarien wirkt, sondern auch auf einige weitere Organismen.


Betrachten wir zunächst einmal die Wirkungsweise von Levamisol. Diese Substanz wird in der Tiermedizin als Breitband-Anthelminthikum eingesetzt, als wurmtötendes Mittel, das gegen eine Vielzahl unterschiedlicher Würmer wirkt, in den therapeutischen Dosen allerdings mit Ausnahme von Bandwürmern und Leberegeln. Es ist in zahlreichen Präparaten und für unterschiedliche Anwendungsarten erhältlich.

Die Wirkung kommt dadurch zustande, dass die normale Übermittlung von Nervenreizen gestört wird. Das geschieht folgendermaßen: Die Reizübertragung von einer Nervenzelle auf eine benachbarte erfolgt durch die Ausschüttung einer Substanz namens Acetylcholin. Man spricht hierbei von einem Neurotransmitter- oder Nervenüberträgerstoff. Anschließend wird dieses Acetylcholin durch ein Enzym namens Cholinesterase in Essigsäure und Cholin gespalten und damit deaktiviert, so dass der Nervenreiz beendet wird. Levamisol hemmt nun dieses Enzym Cholinesterase, so dass die vorhandene, natürliche Nervenerregung nicht mehr endet und krampfartige Lähmungen entstehen. Eine Wirkung auf Eier oder Dauerstadien der Tiere besteht allerdings nicht.

Für den Wirtsorganismus liegt die Toleranzschwelle natürlich erheblich höher, als für die winzigen Parasiten, so dass bei der therapeutischen Konzentration der Wirt nicht geschädigt wird, während die Parasiten an den Lähmungserscheinungen zugrunde gehen. Steigerte man die Dosis erheblich, dann würde das Levamisol auch im Wirtsorganismus, also bei dem wurmtragenden Tier, eine zunächst stark erregende Wirkung haben, die dann über Lähmungen zum Tod durch Atemstillstand führen könnte. Entscheidend ist bei der Levamisol-Wirkung allerdings nicht die Einwirkungsdauer der Substanz, sondern der erreichte Wirkstoffspiegel, also die Levamisol-Konzentration, die erreicht wird.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Levamisol über diese Wirkung hinaus, die es auf die Neurotransmitter hat, noch einen immunstimulierenden Effekt zeigt, also das körpereigene Abwehrsystem unterstützt. Darum setzt man es in der Tiermedizin auch bei rheumatischen Krankheiten und geschwächtem Abwehrsystem ein, in der Humanmedizin auch bei bestimmten Tumorarten.

Versuchsaufbau

Es wurde ein kleines Aquarium mit genau 20 Liter Meerwasser befüllt. Hinzu kam belebter Sand und einige höhere Algen (Caulerpa), auf denen auch einige kleine Röhrenwürmchen (Bispira viola) siedelten. Die Eckdaten des Meerwassers: Salinität 35%; Calcium 420 mg/l; Magnesium 1320 mg/l; Nitrat 15 mg; Phosphat 0,046 mg/l

Zusätzlich wurden folgende Organismen eingesetzt: ein winziger Schlangenstern, drei Gänsefuß-Seesterne (Asterina sp.), vier Borstenwürmer und eine Schnecke Stomatella sp.. Der Versuch sollte einerseits zeigen, wie die Mikrofauna (z. B. Nematoden und Copeopoden) auf die Zugabe von Levamisol reagiert, aber auch, wie andere Tierarten, die zweifelsohne in jedem Riffaquarium in großer Artenzahl und Menge vorkommen, sich verhalten, etwa die hinzugesetzten Borstenwürmer. Dosiert wurde nach der Empfehlung, der viele Aquarianer folgen: 1,0 ml Niratil auf 100 Liter Aquarienwasser, in unserem Fall also 0,2 ml.



Der Grund für diesen Versuch ist relativ simpel: Nicht wenige Aquarianer klagen nach der Anwendung von Concurat oder Niratil darüber, dass ihr Aquarium biologisch außer Kontrolle gerät, was bisweilen sogar bis zum biologischen Absturz des gesamten Aquariums führen kann. Es ist bekannt, dass die Kleinstierfauna durch eine solche Behandlung gestört wird, aber was im Einzelnen dabei geschieht, konnten wir in der aquaristischen Literatur nirgendwo nachlesen. Es lag allerdings die Vermutung nahe, dass die Zugabe von Levamisol letztlich auch andere Tiere schädigt, und nicht nur Plattwürmer.



Behandlungsfolgen
Ca. 15 Minuten nach der Zugabe des Levamisols zeigte der winzige Schlangenstern als erster eine sichtbare Reaktion und rollte die Arme ein. Er war wie gelähmt und zeigte Symptome einer spastischen Parese, einer krampfartigen Bewegungshemmung. Die Borstenwürmer reagierten zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennbar, denn sie waren unauffällig unter dem Sand und hatten mit dem Wirkstoff sehr wahrscheinlich noch keinen Kontakt. Sowohl die kleinen Gänsefuß-Seesterne als auch die Stomatella-Schnecke zeigten ebenfalls noch keine Auffälligkeiten. Nach ca. 45 Minuten sah man aber auch bei den die Borstenwürmern erste Irritationen. Zwei der eingesetzten Exemplare kamen aus dem Sand herausgekrochen und wirkten sehr orientierungslos. Ihre Bewegungen waren unkoordiniert und weitaus langsamer als gewohnt. Die Gänsefuß-Seesterne und die Stomatella-Schnecke zeigten zu diesem Zeitpunkt noch keine Störungen.


Nun erfolgte eine mikroskopische Kontrolle. Zum Vergleich waren vor der Behandlung Proben von Bodengrund und Teile des Biofilms von der Aquarienscheibe entnommen worden, die unter dem Mikroskop zahlreiche mikroskopisch kleine Nematoden, Copeopoden und andere Kleinstkrebschen aufwiesen. Nachdem diese Materialproben jedoch mit Wasser aus dem behandelten Aquarium versetzt worden waren, wurden die Bewegungen der Nematoden zunehmend langsamer; sie rollten sich ein und blieben reglos liegen. 

Die Kleinstkrebschen stellten ebenfalls sehr bald ihr Bewegungen ein und zeigten unter dem Mikroskop keine wahrnehmbaren Lebensäußerungen mehr.

Nach weiteren zwei Stunden lagen im Aquarium einige millimetergroße Borstenwürmer bewegungslos auf dem Bodengrund. Auch die von uns gezielt eingebrachten größeren Borstenwürmer waren zu diesem Zeitpunkt nahezu vollständig gelähmt und zeigten bei Reizung nur wenig Reaktion. 4,5 Stunden nach Zugabe des Wirkstoffes Levamisol waren sämtliche großen Borstenwürmer spiralförmig zusammengerollt und leblos. Einige der zuvor sehr agilen Flohkrebse (Gammarida) lagen auf dem Rücken und zuckten nur noch. Mysiidae-Schwebegarnelen hingegen zeigt noch Bewegung. Die Stomatella-Schnecke allerdings war nicht mehr sehr bewegungsfreudig.


Fazit
Der Versuch hat gezeigt, dass die Behandlung eines Riffaquariums mit einer solchen Levamisol-Konzentration sich deutlich auf alle der von uns untersuchten Tierarten auswirkt. Unserer Beobachtung nach kommt diese Wirkung bei kleineren Organismen erheblich schneller zustande. Wie in dem vorausgegangenen Turbellarien-Beitrag bereits angedeutet muss in alteingefahrenen Riffaquarien mit einer üppigen Mikrofauna damit gerechnet werden, dass es zu einem erheblichen Absterben der Biomasse kommt. Das hat abrupt steigende Ammonium- und Nitritwerte zur Folge, was bei bakteriell leicht instabilen Aquarien mit nicht optimaler Nitrifikation eine Katastrophe auslösen kann. Doch selbst in biologisch stabilen Aquarien wirkt sich der zwangsläufig steigende Nitratgehalt fördernd auf das Wachstum lästiger Mikroalgen aus. In jedem Falle kommt das empfindliche biologische Gefüge des Biotops Meerwasseraquarium völlig aus dem Gleichgewicht.

Aus dieser Erfahrung heraus können wir vor allem bei gereiften Aquarien mit reicher Mikrofauna von der Turbellarien-Behandlung mit dem Wirkstoff Levamisol nur dringend abraten. Sollte eine Anwendung doch unumgänglich sein, raten wir nach dem Absterben der Turbellarien zu einer schnellstmöglichen massiven Filterung über eine Hochleistungs-Aktivkohle, um das Wasser schnell zu entgiften und das Absterben weiterer Organismen zu verhindern.


Einzelbehandlung
Das muss aber nicht bedeuten, dass dieses hochwirksame Breitband-Anthelminthikum für die Riffaquaristik völlig nutzlos wäre. Oftmals sind im Riffaquarium einzelne Korallen wie großpolypige Steinkorallen oder Lederkorallen und auch Scheibenanemonen von parasitischen Turbellarien der Gattung Waminoa befallen. Auch Waminoa-Arten leben mit Symbiosealgen zusammen, vermehren sich vegetativ, sind aber, wenn sie ein geeignetes Wirtstier gefunden haben, relativ ortstreu. Hier empfiehlt es sich, die betreffende Koralle oder Polypenkolonie für eine Einzelbehandlung aus dem Aquarium herauszunehmen, wie wir am nachfolgenden Beispiel einer Catalaphyllia jardinei dokumentierten.

Hierzu nimmt man ein passendes Gefäß und füllt es mit Aquarienwasser. In das Wasser gibt man pro fünf Liter 0,2 ml Niratil und vermischt dies gut. Anschließend wird die befallene Koralle darin gebadet und dabei leicht geschwenkt, bis deutlich sichtbar die Turbellarien abfallen. Daraufhin wird die Koralle in einem weiteren Gefäß in medikamentenfreies Aquarienwasser getaucht. Auch hier kommt es noch zum Ablösen weiterer Plattwürmer, und Reste des Medikamentes werden abgespült und aus dem Inneren porösen Gesteins ausgeschwemmt. Die erwähnte Catalaphylia hat diese Behandlung sehr gut vertragen. Sie öffnete sich nach dem Einsetzen weiter als vorher, was auch die Beeinträchtigung durch die kommensalen Turbellarien zeigt. Die Plattwürmer in dem Gefäß waren nach einer Stunde weitgehend abgestorben. Wir halten diese Behandlung für großpolypige Steinkorallen oder Scheibenanemonen für weitaus ratsamer als das meist propagierte Süßwasserbad, das oft schlecht vertragen wird

Infos zu den Autoren:
Harald Mülder, Jahrgang 1960, betreibt in der Nähe von Göttingen eine gemeinschaftliche Tierarztpraxis und befasst sich seit 20 Jahren intensiv mit der Korallenaquaristik. Seine Interessenschwerpunkte sind die Mikrobiologie und die Behandlung sowie Prophylaxe von Fischkrankheiten.

Robert Baur-Kruppas, Jahrgang 1967, betreibt gemeinsam seit 1999 mit Manuela Kruppas mehrere Internetseiten zum Thema Meerwasseraquaristik. Darunter unter anderem die Meeresaquaristik-Plattform www.Korallenriff.de sowie das Korallen und Tierlexikon www.meerwasser-lexikon.de.  Robert Baur-Kruppas befasst sich intensiv seit ca. 27 Jahren mit der Korallenaquaristik.


Dieser Artikel ist am 20.07.2017 erschienen

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Kommentare

20elias03
Dabei seit:16.07.2009
Kommentare 
Korallenriff:5
Lexikon:0

Ich hatte vor Jahren selbst Probleme mit einem massiven Turbellarienbefall.Bestimmte Areale des Beckens und auch Korallen waren regelrecht überwuchert mit diesen Organismen.Um es kurz zu machen: keine Panik oder überschnelle Reaktionen mit chemischen Mitteln.Concurat habe ich nur als Therapie außerhalb des Beckens bei stark befallenen Korallen eingesetzt.Die langfristige,dauerhafte Lösung war es, wie in den Berichten beschrieben der Einsatz verschiedener Lippfische, Leierfische.Insgesamt 12 Lippfische, ein Paar Synch.splend.bei 1000 l.
Die Nacktschnecke Chelid.var. landet leider zu schnell in den Strömungspumpen.
Beitrag vom 05.08.2017 - 12:19 

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