Magazin: Die grüne Spinnenkrabbe Mithraculus sculptus zur biologischen Kontrolle von Algenplagen in Riffaquarien

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Abbildung 1: Die grüne Spinnenkrabbe Mithraculus sculptus ist weitgehend riffsicher und ein ausgezeichneter Algenfresser, Foto: Arthur Anker

Die grüne Spinnenkrabbe Mithraculus sculptus ist eine kleinbleibende Krabbe die häufig zur Kontrolle unerwünschter Algen, insbesondere Kugelalgen angeboten wird. Wie effektiv ist diese Art wirklich in der Beseitigung von Algenplagen und stellt sie eine Gefahr für andere Aquarienbewohner dar?

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ein Artikel von Till Deuss

Abbildung 1: Die grüne Spinnenkrabbe Mithraculus sculptus ist weitgehend riffsicher und ein ausgezeichneter Algenfresser, Foto: Arthur Anker


Die Rolle der „Clean-Up Crew“ in Riffaquarien

Der Einsatz verschiedener Organismen zur biologischen Kontrolle von unerwünschten Algen oder anderen sogenannten Plagen in Riffaquarien ist heutzutage weit verbreitet. Herbivore Nackt- und Gehäuseschnecken, kleine Einsiedlerkrebse, Seeigel, und verschiedene Schleimfische, Doktor- und Kaninchenfische usw. eignen sich hervorragend als „Clean-Up Crew“ , da sie den Algenbewuchs an den Scheiben und der Dekoration abweiden. „Berghia“ Nacktschnecken (tatsächlich Aellodiella stephaninae genannt), Lysmata Garnelen der „Pfefferminz-Gruppe“ (L. boggessi, L. wurdemanni, L. seticaudata L. ankeri usw.), sowie bedingt auch L. debelius, einige Feilen- (Acreichthys tomentosus) und Falterfische (Chaetodon rostratus, Forcipiger flavissimus) sind hilfreich in der Bekämpfung von Glasrosen. Die Nacktschnecke Chelidonura varians, einige Leierfische und eine Vielzahl von Lippfischen können sich nützlich bei der Beseitigung von Plattwürmern erweisen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Beim Einsatz von lebenden Organismen zur Bekämpfung von Plagen ist natürlich zunächst wichtig zu bedenken, ob wir den Tieren auch ihren Ansprüchen entsprechende Lebensbedingungen bieten können. Zu beachten sind u.a. die Beckengröße, die Anwesenheit von größeren schwimmfreudigen Fischen, wie Doktor-, Kaninchen- und Falterfischen. Außerdem sollte man bedenken, dass die „Clean-Up Crew“ kein Ersatz für ausreichend dimensionierte Technik und gute Praktiken im Unterhalt des Aquariums darstellt. Kommt es beispielsweise durch unzureichende Mechanismen des Nährstoffexportes, zum Beispiel durch einen zu klein ausgelegten Abschäumer zum Auftreten von Algenplagen,  kann auch die beste Clean-Up Crew bestenfalls die Symptome nur mindern. Das eigentliche Problem wird dabei aber nicht behoben! Viel zu oft werden einfach einzusammelnde und deshalb recht preisgünstige Tiere, wie Algenschnecken, Einsiedlerkrebse etc. regelrecht „verheizt“. Umso bedenklicher ist dies, wenn man in Betracht zieht, dass diese Arten mancherorts lokal in großen Mengen für die Meeresaquaristik entnommen werden, ihre ökologische Funktion im Meer nicht mehr ausüben können. Das wirkt sich negativ auf die ohnehin gestressten Korallenriffe aus.  Zuchtbemühungen in diese Richtung sind leider finanziell wenig interessant und sollten deshalb besonders unterstützt werden.


Allgemein betrachtet, bin ich der Meinung dass eine gut durchdachte Auswahl diverser Clean-Up-Crews in Riffaquarien in nicht zu unterschätzendem Maße dazu beiträgt, ein Meeresaquarium pflegeleichter, interessanter und natürlicher zu gestalten. Unter den Schnecken gibt es einige Arten, die sich im Aquarium vermehren und nach einiger Zeit  Populationsgrößen bilden, die auf die verfügbaren Nährstoff- und Algenmengen des entsprechenden Aquariums angepasst sind (z.B. Turbo brunneus, Cerithium sulcata, Columbella sp.). Voraussetzung ist natürlich die Abwesenheit von Fressfeinden.

Selbstverständlich haben die verschiedenen Arten herbivorer Tiere artspezifisch unterschiedliche Präferenzen und verhalten sich ausgesprochen selektiv in der Nahrungsaufnahme. Es ist nicht immer einfach, die richtige Art für  besonders hartnäckige Algen, die gelegentlich aus Lebendgestein heranwachsen oder mit Korallen eingeschleppt werden, zu finden.

 

Kugelalgen als Plage in Riffquarien

Als Kugelalgen werden umgangssprachlich verschiedene Arten blasenförmigen oder traubenartigen Grünalgen bezeichnet, die sich mit ihren Rhizoid-Anhängen einzeln oder in  Bündeln zwischen und auf Steinen, Korallen, Schwämmen usw. ansiedeln. Valonia ventricosa ist wohl die bekannteste Art, da sie in Ausnahmefällen in etwa die Größe eines Hühnereis erreicht und oft als die "größte einzellige Alge" bezeichnet wird. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um ein mehrkerniges Vesikel. Daneben gibt es verschiedene andere Arten der Gattungen Valonia, Dictyospaeria etc. die als Kugelalgen (englisch: bubble algae)  bezeichnet und häufig in Aquarien eingeschleppt werden. Da sich diese Algen stark vermehren können und mit anderen sessilen Aquarienbewohnern sowohl um Siedlungssubstrat als auch um Licht konkurrieren, sollten sie nach dem Entdecken der ersten Exemplare unverzüglich entfernt werden, um ein Massenauftreten zu verhindern. Ist der Lage nicht mehr Herr zu werden, bietet sich der Einsatz eines natürlichen Feindes an.

Das Fuchsgesucht Lo vulpinus und einige andere Kaninchenfische der Gattung Siganus sind besonders effizient im Vernichten von Kugelalgen. Allerdings brauchen diese Tiere sehr große Aquarien. Ich habe die Tiere sehr häufig im Meer beobachten können, sowie in der Aquakultur von „Biota“ in der mikronesischen Republik Palau über längere Zeit gehältert und konditioniert mit dem Ziel, Zuchtpaare dieser Art aufzubauen. Meiner Ansicht nach brauchen diese Tiere langfristig sehr große Aquarien von mehreren tausend Litern für ein Paar. Für kleinere Aquarien jedoch eignet sich die grünen Spinnenkrabbe Mithraculus sculptus bei Beachtung einiger Regeln glücklicherweise ganz ausgezeichnet.

 

Abbildung 2: Kleiner Kluster der Kugelalge Valonia verticillata zwischen den Polypen eines Zoanthus Ablegers, Foto Till Deuss

Die grüne Spinnenkrabbe Mithraculus sculptus in der Natur und im Aquarium

Mithraculus sculptus ist mit einer Maximalgröße von etwa 2,5 cm Carapaxbreite eine kleinbleibe Art, die in den flachen Meeren des tropischen Westatlantiks von Florida, über die Bahamas und die gesamte Karibik bis in den Norden Brasiliens verbreitet ist. In den flachen lichtdurchfluteten Riffen, Mangroven und Seegraswiesen kann die Art lokal sehr häufig auftreten (mehrere Individuen pro Quadratmeter). Oft konnte ich die Art in der Karibik zwischen Porites porites, Feuerkorallen (Millepora spp.), Agaricia spp. und  im Seegras dabei beobachten, wie sie mit ihren spezialisierten löffelartigen Chelipeden (Scheren) Algen aufnehmen. Im Gegensatz zu vielen anderen Krabbenarten ist M. sculptus überwiegend tagaktiv. Meiner Erfahrung nach werden neben Kugelalgen Valonia und Dictyospaeria auch Bryopsis, verschiedene Caulerpa Arten, wie zum Beispiel Caulerpa racemosa, C. taxifolia und die hübsche aber bisweilen besonders lästige C. verticillata, sowie Ulva, Enteromorpha, sowie verschiedene Rotalgen gefressen.

Mithraculus sculptus (Quelle Meerwasser-Lexikon.de)


Trotz der weitgehend herbivoren Ernährungsweise sind diese Tiere dennoch - wie fast alle Krabben - eher als omnivor als strikt herbivor anzusehen. In einer Studie von FIGUAREIDO et al. (2008) bevorzugte die grüne Spinnenkrabbe sowohl Mysis als auch Pellets gegenüber Kugelalgen. Deshalb ist unbedingt darauf zu achten, dass bei der Fischfütterung nicht zu viele Reste anfallen. Außerdem konnten die Forscher mit Hilfe von Hochgeschwindigkeits-Videoaufnahmen feststellen, dass die Tiere beim Verzehr von Kugelalgen der Art Valonia ventricosa, die Kugelalgen zum Platzen bringen, wobei die Zellflüssigkeit die juvenile Kugelalgen enthalten kann, freigesetzt wird.

Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass juvenile Kugelalgen von effektiven Filtersystemen zügig aus dem Aquarium entfernt werden. Langzeiterfahrungen haben gezeigt, dass Algen trotz dieser Tatsache gut durch Mithraculus sculptus kontrolliert werden können. Dazu kommt, dass die meisten anderen Arten von Kugelalgen nicht über dieselben Vermehrungsmechanismen verfügen.

Weiterhin muss erwähnt werden, dass sich M. sculptus, wie viele andere Krabbenarten unter Umständen an anderen Aquarienbewohnern wie Korallen, und insbesondere Krustenanemonen vergreifen können. Trotzdem, stellt dies eher die Ausnahme dar und ist bei gut genährten Tieren in der Regel nicht zu befürchten. Übergriffe auf Schnecken oder Einsiedlerkrebse konnte ich noch nie beobachten. Im Notfall können die Tiere - zumindest in kleineren Aquarien - mit einer Falle leicht geködert werden. Andernfalls muss man, wenn keine Algen mehr vorhanden sind,  die Krabbe mit frischen und getrockneten Meeresalgen (wie zum Beispiel Nori), oder auch Gemüse, wie zum Beispiel Spinat, Möhren, Erbsen oder Kürbis zufüttern.

Im Allgemeinen sind die Tiere im Aquarium sehr leicht haltbar, sollten jedoch schonend, am besten tropfenweise eingewöhnt werden. Bei Abwesenheit von Fressfeinden, wie größeren Lippfischen, Drückerfischen usw, sind die Tiere nicht scheu und sitzt tagsüber oft exponiert und lassen sich beim Abweiden von Algen beobachten. 

Abb. 3 und 4: Dieser Ableger der Krustenanemone Zoanthus pulchellus wurde von M. sculptus innerhalb einer Nacht vollständig von Algen befreit, Fotos Till Deuss


Abb. 3 und 4: Dieser Ableger der Krustenanemone Zoanthus pulchellus wurde von M. sculptus innerhalb einer Nacht vollständig von Algen befreit, Fotos Till Deuss


Fortpflanzung und Zucht

Wahrscheinlich kein anderer Vertreter der Brachyura (Echte Krabben) wird so viel für die Meeresaquaristik gesammelt wie die Grüne Spinnenkrabbe. Die Entnahme großer Mengen dieser Tiere aus dem natürlichen Lebensraum kann lokal zu einem Problem werden, wenn die Art überfischt wird und ihre ökologische Funktion als Algenfresser im Meer nicht mehr ausreichend erfüllen kann. 

Die Geschlechter können, wie bei fast allen Krabben, leicht an der Form des Abdomens unterschieden werden. Dabei ist das Abdomen der weiblichen Tiere rund geformt, um den sich entwickelnden Eiern Schutz während der Inkubationszeit zu bieten. Das Abdomen männlicher Tiere läuft dagegen spitz zu (Abbildungen 5 und 6). Männliche Tiere werden zudem geringfügig größer und sind etwas dunkler als Weibchen. Die Zucht der Tiere ist recht unproblematisch. Die frisch geschlüpften Zoea Larven können vom ersten Tag an mit frisch geschlüpften Artemia-Nauplien oder Rädertierchen (Brachionus) ernährt werden. Sie durchlaufen nur zwei Zoea-Stadien, die im Schnitt jeweils nur 2 Tage andauern, sowie das bereits krabbenartige, als Megalopa bezeichnete Übergangsstadium. Bereits nach etwa einer Woche gehen sie zum Bodenleben über. RHYNE et al (2005, 2006) beschreibt die Zucht von Mithraculus sculptus und der nahe verwandten Art M. forceps im Detail.

Abb. 5 und 6: Geschlechtsunterschiede bei M. sculptus. Man beachte das runde Abdomen des Weibchens (Foto 5) und das spitz zulaufende Abdomen des Männchens (Foto 6), Fotos Till Deuss


Abb. 5 und 6: Geschlechtsunterschiede bei M. sculptus. Man beachte das runde Abdomen des Weibchens (Foto 5) und das spitz zulaufende Abdomen des Männchens (Foto 6), Fotos Till Deuss


Fazit

Mithraculus sculptus ist eine der für Korallen unproblematische algenfressenden Krabben für das Korallenriffaquarium. Die Tiere sind sehr effizient und eignen sich unter Berücksichtigung gewisser Aspekte, wie möglicher Übergriffe auf andere Aquarienbewohner und dem Einsatz einer leistungsfähigen Filteranlage uneingeschränkt zur Bekämpfung von Kugelalgen und einer Vielzahl anderer Algenarten. Es wäre wünschenswert, wenn sich der eine oder andere Hobbyaquarianer der Zucht dieser interessanten und für uns Aquarianer sehr hilfreichen Tiere widmen könnte, um so zur Reduzierung von Wildfängen beizutragen.


ein Link zur Aufzucht: https://www.ifmn.net/

ein Lesenswerter Link zum Thema Spinnenkrabbe beim kleinen Meerwasser Aquarium:


Literatur 

Figueiredo, Joana, et al. (2007) Efficiency of using emerald crabs Mithraculus sculptus to control bubble alga Ventricaria ventricosa (syn. Valonia ventricosa) in aquaria habitats. Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom 88.1: 95-101.

Rhyne, A.L., Penha-Lopes G., and Lin J. (2005) Growth, development, and survival of larval Mithraculus sculptus (Lamark) and Mithraculus forceps (A. Milne Edwards)(Decapoda:Brachyura: Majidae): economically important marine ornamental  crabs. Aquaculture 245, no. 1-4: 183-191.

Rhyne, A.L., Fujita, Y. and Calado, R., (2006). Larval development and first crab of Mithraculus sculptus (Decapoda: Brachyura: Majoidea: Mithracidae) described from laboratory-reared material. Journal of the Marine Biological Association of the  United Kingdom, 86(5), pp.1133-1147.



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Kommentare Zum Anfang


Daniel_K am 16.04.19#1
Ein echt gelungener Artikel.
Mir wurde immer gesagt, dass diese Art zu züchten sehr schwierig sei.
Laut diesem Artikel aber doch machbar.
Mal schauen, vielleicht versuche ich es mal.

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