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Miracle Mud ~ das Schlammfiltersystem von Dr. Joachim Lohner


Das Aquarium wurde nicht neu eingerichtet, sondern eine eingefahrene Anlage wurde zusätzlich mit dem Schlammfiltersystem Miracle Mud versehen. Mein Schlammfilterbecken hat ein Volumen von 400 L. Mein Hauptbecken ca. 440 L, diese ist als Riffschlucht eingerichtet und gibt den Blick in das in einem Meter Abstand dahinter befindliche Schlammfilterbecken frei, so daß sich eine enorme Tiefenwirkung ergibt. Schon bevor ich den Miracle Mud in mein zweites Becken eingebracht
habe, hatte ich dieses als Refugium mit dem Hauptbecken verbunden, was insbesondere den Fischen sehr gut getan hat, da diese seit jenem Zeitpunkt eine außergewöhnliche Farbenpracht zeigten.


Ich habe mein Becken nicht exakt nach den Empfehlungen von Leng Sy eingerichtet, denn von einem Becken ohne Bodengrund halte ich nicht viel. Ich will etwas fürs Auge, dazu gehört für mich 5 bis 7 cm hoher feinster Korallensand und einige sandkauende Grundeln. Detritus absaugen brauche ich nicht, ich finde nämlich keinen. Meine diversen Seewalzen arbeiten den Bodengrund neben den Grundeln hervorragend durch. Glasstege habe ich ebenfalls nicht im Schlammfilterbecken eingebracht, denn die Strömung ist nicht so stark, daß sie den Schlamm aufwirbelt.

Ich füllte den Schlamm direkt auf den feinkörnigen drei cm hohen Sandgrund und stellte 12 Stunden die Umwälzpumpen ab, denn den vollkommen undurchsichtigen "Schlamm-Nebel", der mein Refugium nun erfüllte, wollte ich nicht in mein Hauptbecken gelangen lassen. Allerdings schaltete ich den Abschäumer aus, beliess ihn aber an der Anlage für "Notfälle".

Nach dem Einbringen des Schlammes in das Refugium geschah zunächst 10 Tage gar nichts, die Caulerpa und lebenden Steine, die schon vorher im Becken waren, reagierten nicht. Danach beobachtete ich eine Zunahme der roten Schmieralgenpopulation, die aber nach 14 Tagen wieder zurück ging. Es gibt sie vereinzelt jetzt nach vier Monaten Standzeit des Schlammfilters immer noch an Stellen, an denen ich sie nicht entfernt habe, aber sie entwickeln sich deutlich von selbst zurück, sind also kein Problem.

In den ersten vier Wochen nach Zuführung des Schlammes hatte ich den Eindruck, daß sich die Polypen aller SPS besser entfalteten; andere Veränderungen gab es nicht... bis ich bemerkte, daß die vorherige "Sterilität" des Beckens einer enormen Lebensvielfalt wich. Überall entwickelte sich Aufwuchs an den Steinen: Foraminiferen, Kalkbüschelalgen, Bryozoen und jede Menge unidentifizierbare Fauna. Gleichzeitig entwickelte sich eine "Rasenalge", ca. 4-6 mm hoch. Das Plankton im Refugium erlebte eine geradezu explosionsartige Ausbreitung, dazu musste ich jede Woche verschiedenste Caulerpa-Arten "händeweise" entsorgen.

Ich war total begeistert und begann zu experimentieren, um die Belastbarkeit des Systems zu testen: Ich erhöhte die Futtermenge um den Faktor 10 (!!!)*, meine Fische wurden drall und rund, unglaublich. Die Population des Planktons nahm weiter zu, es waren mir bald zuviel Schwebegarnelen vorhanden. Ich setzte in das Refugium vier Seepferdchen, ideale Bedingungen für diese: schwache Strömung, sauerstoffreiches Wasser durch enormen Caulerpawuchs, keine Korallen, jede Menge Plankton.

Super! Aber leider doch eine Schnapsidee: Die Seepferdchen ernteten jedes größere Plankton binnen 10 Tage ab, ich mußte plötzlich lebende Mysis in Massen
nachfüttern, anderes Futter nahmen sie nämlich nicht. Aber kauft mal lebende Mysis im Winter! Gott sei Dank gibt es hier in Konstanz ein Sealife-Center, das sich meiner erbarmt hat und mir Mysis abgibt.

* Anmerkung von www.korallenriff.de: In der ausführlichen Gebrauchsanleitung vom Hersteller wird ausdrücklich nur eine schrittweise Erhöhung der Belastung des Systemes empfohlen.

Die Mysis führten aber sehr schnell zu einer Glasrosenplage, mit der ich mich vorher nie beschäftigen musste. Die Rasenalge überwuchs in rasender Geschwindigkeit alles, aber wirklich alles: Steine, Korallen, Thermometer, Pumpen, Schneckenhäuser, Muscheln, sagenhaft. Die Caulerpa wurden zur Plage, Fadenalgen kamen wieder hoch, bis sie von der Rasenalge überwuchert wurden. Von wegen Korallenfarmzuchtprojekt, meine Aquarienanlage kam als "Algenzuchtanlage" zu einer wahren aquaristischen Hochblüte: Mindestens sechs unterschiedliche Caulerpa-Arten, herrliche Braunalgen, Pinselalgen wie im Süsswasser, x Arten, die ich trotz umfangreichster Literatur nicht
bestimmen konnte und wollte, dazu wurde das Wasser immer gelber, ja sogar stark mit anderen Trübstoffen versehen. Die Konsistenz des Wassers änderte sich, es wurde zunehmend "zäher", "schleimiger". Besonders fiel mir das beim Wasserwechsel im Vergleich mit dem neu zubereiteten Wasser auf.

Also, was tun? Erst mal zurück rudern: Die Fütterung der Fische habe ich ganz eingestellt, war aber sowieso nicht nötig gewesen. Dann habe ich den Fischbesatz auf ein Drittel reduziert, um auch keine Hungerkünstler zu halten und ihre Ausscheidungen zu verringern. Den Abschäumer habe ich wieder zugeschaltet, aber nur schwach, damit er mir nur ein unerwünschtes Ansteigen von Schadstoffen verhindert, aber nicht hinten alles wieder rauszieht, was ich vorne mit dem Schlamm vorher zugeführt habe, erfreut nur die Zubehörindustrie, aber nicht des Aquarianers Geldbeutel.

Mysis muß ich weiter füttern, aber um die Glasrosen kümmert sich jetzt ein Chelmon rostratus, er hat alles im Griff, nachdem ich alle Fische rausgefangen habe, die ihn attackiert hatten. (Hatte ich einen "Jäger" draussen, fing der nächste Fisch an, zu attackieren!) Die Rasenalgen werden radikal verputzt von ca. 200 der allerkleinsten Einsiedlerkrebse, die ich kaufen konnte - das war eine gute Wahl. Die Caulerpa wucherten weiter, die Fadenalgen sind vergilbt, das Aquarium kommt zurück in eine stabile Phase. Das Wasser ist ohne Farbstoffe, meine Experimentierlust ist erst mal auf null, mein Frust hat sich gelegt, ich kann meine Korallen wieder erkennen.

Fazit: Ich habe den Schlammfilter zu früh überfordert, das war mein persönlicher Fehler. Er entfaltet seine Wirksamkeit nur langsam, Kollegen aus den USA berichten von mehr als neun Monaten, bis deutlich sichtbare positive Wirkungen eintraten.

Meine Korallen hatten zwischenzeitlich alle Farbe verloren, ich gebe allerdings auch keine Spurenelemente, überhaupt nichts mehr, seit dem Schlammfiltereinsatz, hinzu. Viel Fischfutter brachte übrigens viel Korallenfarbe, das Einstellen der Fütterung ließ meine Korallen vor Schreck erbleichen: fast totaler Farbverlust innerhalb von drei Wochen!

Jetzt beobachte ich allerdings, wie die Farben allmählich zurück kehren. Die Vitalität meines Beckens ist immer noch wesentlich größer als jemals in meiner Aquarianerkarriere zuvor. Auch Schwämme breiten sich wieder deutlich sichtbar aus, meine Gorgonien und Hornkorallen wachsen trotz der Fütterungseinstellung (wie gesagt ausser Mysis) stark weiter.

Würde ich Miracle Mud empfehlen?
Ganz klar "ja": Nur habt mehr Geduld damit als ich, denn ein biologisches System braucht nun einmal eine stabile Ausgangslage, also einen dauernden Gleichklang der umgebenden Bedingungen, um sich einpendeln zu können. Wenn Ihr das durch unnötiges Herumgepansche wie ich in den letzten vier Monaten ständig stört, nützt euch die beste Technik nichts: das System wird instabil. Das Dumme ist nur, das wußte ich eigentlich schon vorher...

Mit freundlichen Grüßen

Joachim Lohner

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Konstanz, am 21. Februar 2002
für www.Korallenriff.de

© 2002 Dr. Joachim Lohner
Erfahrungsbericht geschrieben für http://www.Korallenriff.de

Dr. Joachim Lohner
RA & FAfStR
D-78467 Konstanz
e-Mail an Dr. Joachim Lohner
Web: www.kanzlei-lohner.de


Dieser Artikel ist am 13.08.2007 erschienen

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