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"Ein unmoralisches Angebot"


 "Ein unmoralisches Angebot"

 

 ein Bericht in zwei Teilen

von C. Schmidt und I. Fischer 

 

 

Teil 1: Uber den SAIA FishSelector, den Unmut in den eigenen Reihen und die notwendigen

Veränderungen, die es braucht, um als Organisation erfolgreich zu sein 

 

Die Geschichte ist schnell erzählt. 

Zwei Vereinsmitgliedern missfällt der jüngste Artikel auf www.saia-online.eu. Die Ausführungen der Autorin stünden im krassen Widerspruch zur Vereinsphilosophie, was der SAIA FishSelector beweisen würde. Es entwickelt sich daraufhin ein Streit, den der Vorstand durch einem Kompromiss zu schlichten versucht. Dieser geht den beiden nicht weit genug. Sie verschaffen sich Zugang zum Vereinsserver und stehlen die Datenbanken des SAIA FishSelectors. Ihre Forderung: die Eliminierung des Artikels „Doktorfische – Geliebt und gequält“ von Ina Fischer.

 

Was sich wie eine Räuberpistole anhört, ist tatsächlich passiert. Mittlerweile kümmert sich der Staatsanwalt um die Angelegenheit. Aufgrund laufender Ermittlungen können deshalb keine weiteren Einzelheiten bekanntgegeben werden. 

 

Was ich aber erzählen kann, ist die Vorgeschichte. Wie kam es zum SAIA FishSelector und was wird nun aus ihm? 

 

Nach dem plötzlichen Aus der Organisation MAC (Marine Aquarium Council) Ende 2008 war die Enttäuschung groß. Nicht nur bei mir, sondern auch bei denen, die sich viel von einer Verbesserung im Handel mit marinen Zierorganismen versprochen hatten. Sowohl Exporteure als auch Importeure und Händler guckten in die Röhre. Mit so etwas wollte sich der Journalist und Inhaber der Firma Midland Reefs, Tim Hayes, nicht zufrieden geben und erklärte sich bereit, gemeinsam mit mir einen Gegenentwurf zu MAC zu erarbeiten. Im Zuge der Ausarbeitung unseres Code of Best Practices stellten wir uns die Frage, ob es nicht Sinn machen würde, parallel dazu so genannte Fact sheets1  für Hobbyaquarianer zusammenzustellen. Wir kontaktierten kurzerhand alle möglichen Vereine, Organisationen und Experten (u.a. MARUBIS, ASIRA, Robert Fenners WetWebMedia), um sie ggf. für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Kurze Zeit später wurde unsere Idee von Markus Köchle, seines Zeichens Organisator der Tiroler Meerwassertage, aufgegriffen, indem er anregte, Besatzlisten für verschiedene Beckengrößen zu erstellen. Für diesen Vorschlag gab es innerhalb der inzwischen gegründeten Organisationen SAIA EWIV und ESAIA e.V. eine breite Zustimmung. Es bildeten sich unterschiedliche Arbeitsgruppen, die freimütig Informationen austauschten und Fotomaterial beschafften. Dieser Zusammenarbeit verdanken wir heute die SAIA Fischlisten und darüber hinaus den SAIA FishSelector. 

 

Der SAIA FishSelector war als Hilfsmittel konzipiert und wollte vor allem Anfänger daran erinnern, verantwortungsvoll mit Tieren umzugehen. Diese kleine Applikation konnte sich jeder, der einen Windows-Rechner hatte, kostenlos herunterladen und anhand seiner eigenen Beckenparameter ausprobieren – für den ein oder anderen mit überraschendem Ergebnis. Diese Rechenbeispiele wurden in den unterschiedlichsten Meerwasserforen kontrovers diskutiert. Ein Teil der Aquarianer empfand den SAIA FishSelector als Bereicherung, andere sahen darin nichts als Bevormundung. Besonders diejenigen, die sich als Experten betrachten, ließen kein gutes Haar an ihm (weil sich ihrer Meinung nach biologische Abläufe nicht in mathematische Formeln zwängen lassen). Als sich plötzlich Fehlermeldungen häuften und Schwächen in der Programmierung auftraten, war sowohl für die Kritiker als auch für die Betreiber des SAIA FishSelector der Spass zu Ende.

 

Um sich keine weitere Blöße zu geben, betrauten die verantwortlichen Vereinsmitglieder einen externen Informatiker mit der Überarbeitung. Die Kosten übernahm ein Sponsor. Anfang 2012 ging der SAIA FishSelector (2.0) wieder ins Netz. Trotz technischer Optimierungen und einem anspruchsvolleren Design, hielt sich bei vielen die Freude in Grenzen. Das lag, wie mir heute klar ist, in erster Linie an der fehlenden „menschlichen“ Komponente; für jemand, der sein Hobby liebt und ernsthaft betreibt, konnte das Ergebnis der Berechnungen mitunter ein Schlag ins Gesicht sein: wer lässt sich schon gerne der Tierquälerei bezichtigen? In einem 600l-Becken dürften laut SAIA FishSelector z.B. kein Zebrasoma, kein Siganus und kein Acantus zu sehen sein. Blöd nur, wenn – wie im Artikel von Ina Fischer beschrieben – dieser Besatz schon seit Jahren wunderbar funktioniert.

Das vielleicht größte Manko des SAIA FishSelector zeigt sich aber an anderer Stelle. Nämlich bei der Frage, wohin mit den Fischen, die zuviel im Aquarium herumschwimmen. Es ist ja nicht so, dass Händler die Tiere einfach zurücknehmen, oder sich mal schnell ein Kollege findet, der noch Platz hat. Also wohin mit den armen Lieblingen? Sie auf andere Weise zu entsorgen, wäre nicht im Sinne des Erfinders.2 

 

Resümee:

 

In einem Verein müssen häufig die verschiedenartigsten Meinungen unter einem Hut gebracht werden. Keine leichte Aufgabe. Nicht ohne Grund heißt es: Vereinsarbeit ist Schwerstarbeit! Nichtsdestotrotz sollte am Ende immer eine Entscheidung zum Wohle des Vereins stehen. In diesem Sinne hat der Vorstand (ESAIA e.V.)  beschlossen, eine andere innovative Version des SAIA FishSelectors zu entwickeln (Details hier).

 

„Ich kenne keinen richtigen Weg zum Erfolg, aber einen sicheren Weg zum Misserfolg: 

es allen Recht machen zu wollen.“ (Platon)

 

C. Schmidt 


1  Fact sheets waren Hintergrundinformationen zur Nachhaltigkeit, die Auskunft über die Herkunft der Aquarientiere, über Fangmethoden, aber auch Hälterungsempfehlungen geben wollten.

2  Der SAIA FishSelector ist bis heute weit hinter seinen Möglichkeiten geblieben. So hätte z.B. die Einarbeitung einer Umkehrfunktion (Eingabe der gewünschten Tiere = erforderliches Wasservolumen) wesentlich mehr Sinn gemacht. Außerdem erschließt sich niemanden auf dem ersten Blick, wieviel Schwimmraum einer Art zugeordnet wird. Auch die Kompatibilität der Tiere untereinander beibt unbeachtet.

 

Teil 2: "Ein unmoralisches Angebot", oder wie mein Artikel

zum Zankapfel wurde

 

 

Im April 2013 erreichte mich eine E-Mail von Christiane Schmidt. Sie fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, einen Artikel für die neue SAIA-Homepage zu schreiben. Ich bin kein Mitglied bei ESAIA e.V. und war deswegen ein wenig überrascht. Auf der anderen Seite ehrte es mich, wenn meine Veröffentlichungen in der Zeitschrift 'Der Meerwasseraquarianer' positiv aufgefallen waren. Nach einer kurzen Bedenkzeit sagte ich zu. Da ich zum Thema keinerlei Vorgaben bekommen hatte, entschied ich mich relativ schnell für Doktorfische, da diese eine herausragende Stellung in der Meeresaquaristik einnehmen. 

 

Am wichtigsten schien mir, darauf hinzuweisen, dass man sich vor dem Kauf Gedanken über die Besonderheiten und die Lebensgewohnheiten dieser anspruchsvollen Tiere macht. Besonders Neueinsteiger verlassen sich in dieser Hinsicht gerne auf Aussagen von Tierverkäufern und selbsternannten Experten. Um die komplexen biologischen Zusammenhänge zu verstehen, bedarf es aber mehr als Binsenweisheiten. Viele Anfänger vertrauen ihnen leider mehr als der Fachliteratur. Mein bevorzugter Händler berichtete mir außerdem, dass bei vielen Neukunden 'die Farbe' im Vordergrund stünde. Auf Verhalten, Fressgewohnheiten und Verträglichkeit würde selten oder gar nicht geachtet. Sollte tatsächlich ein Tier durch unsachgemäße Haltung sterben, kaufe man sich halt ein neues. 

 

Ich bin mir sicher, dass die meisten Aquarienfreunde eine solche Herangehensweise verabscheuen. Ein paar von ihnen schmecken – mit Hinweis auf Berechnungen mit dem SAIA FishSelector – noch nicht einmal meine Ausführungen. Dabei war mein Artikel lediglich als Orientierung und Denkanstoß gedacht. Nicht als Provokation, wie einige meinen. 

 

Mir liegt das Wohlergehen meiner Tiere sehr am Herzen. Ich habe großen Respekt vor dem Leben und versuche nach bestem Wissen und Gewissen, einen adäquaten Lebensraum zu bieten. Darin besteht für mich eine nachhaltige Meerwasseraquaristik. Natürlich kann ich schlecht abschätzen, wie sich meine  Becken in Zukunft entwickeln. Ich bin seit 20 Jahren Aquarianerin (davon 3 Jahre Meeresaquaristik) und lerne tagtäglich hinzu. Um meinen Tieren alle Annehmlichkeiten bieten zu können, habe ich vor dem ersten Anrühren von Salzwasser zwei Jahre lang Literatur gewälzt und dabei festgestellt, dass viele Wege zum Ziel führen. Für einen muss man sich letzten Endes entscheiden. Das ist nicht immer einfach. Gerade für Anfänger, die schnell an ihre Grenzen stoßen. Es kann jederzeit passieren, dass sich Besatzkonstellationen plötzlich als ungeeignet erweisen (wenn z.B. einzelne Tiere ihr Verhalten ändern oder durch ihren Tod das Gefüge innerhalb des Aquariums über den Haufen werfen). Ob mein Zebrasoma scopas jemals zu 40 cm auswächst und ob bis dahin der restliche Besatz so noch besteht, ist ungewiss. Ich bin jedenfalls darauf vorbereitet, meinen Doktorfischen auch in Zukunft ein Zuhause zu bieten. Eine wie auch immer geartete Entsorgung kommt für mich nicht in Frage.

 

Auch wenn nicht alles optimal läuft (wer kann das von seinem Becken schon behaupten), in einem Punkt bin ich mir sicher: Solange abgemagerte Doktorfische in einem 300l Becken herumvegetieren, Zebrasoma veliferum in 150l Becken gehalten werden oder Rotmeerdoktoren als Schatten ihrer selbst in öffentlichen Aquarien zu sehen sind, solange hat mein Thema nichts an Aktualität verloren.

 

I. Fischer


Dieser Artikel ist am 01.11.2013 erschienen

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Kommentare

sea-shepherd
Dabei seit:31.10.2007
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Korallenriff:7
Lexikon:14

Bevormundung wird auf Dauer nicht zu vermeiden sein, denn die wenigen welchen die Bedürfnisse ihrer angeschafften Tiere weniger am Herzen liegen, sorgen dafür das die Regulatoren zur Auffassung gelangen das man alle und alles regulieren muß um das in den Griff zu bekommen. Ist doch irgendwie überall so das eine Minderheit mit ihrem Verhalten die Mehrheit negativ beeinflußt und alle die Konsequenzen zu tragen haben.
Beitrag vom 08.11.2013 - 16:06 

plankt0n
Dabei seit:13.01.2013
Kommentare 
Korallenriff:2
Lexikon:0

Hallo,
die Bevormundung wann welcher Fisch bei wie viel Litern gehalten werden darf passt nicht so richtig. Kann mich da nur Robert seiner Ausführung anschließen Fische sollten nach Ihren Bedürfnissen gehalten werden und nicht nur nach Literzahlen. Wobei hier das Gesamtpaket stimmen sollte. Literzahlen heißt nicht automatisch freier Schwimmraum.

Gruß Marc
Beitrag vom 06.11.2013 - 14:23 

GK
Dabei seit:09.01.2012
Kommentare 
Korallenriff:81
Lexikon:0

Abgesehen davon, dass ich den ganzen Aufstand nicht verstehe... was um alles in der Welt ist denn gegen den Artikel von Ina Fischer einzuwenden? Nicht alles, was der Fischselector ausrechnet, hat auch seine Berechtigung. Genau darum geht es doch in ihrem Artikel. Der Fishselector mag Hilfestellung geben, aber der Weisheit letzter Schluß ist er sicher nicht.

Gruß, Gaby
Beitrag vom 05.11.2013 - 12:38 

robertbaur
Dabei seit:24.08.2004
Kommentare 
Korallenriff:833
Lexikon:106

Hi Ben

ich denke dass die reine Angabe einer Literzahl keine engültige Lösung ist, da eben der Aufbau, Dekoration, Beibesatz und Futterangebote eine relativ große Rolle spielen.
Ich stimme Dir daher weitgehend zu.
Es kommt halt auch auf den Fisch und seine Bedürfnisse an, ein Doktor schwimmt eher freier als ein Zwergkaiser, dem dann das Beispiel mit dem Würfel vermutlich genauso gut entgegenkommt, bzw. der bevorzugt halt Spalten und Löcher.

Gruß Robert






Beitrag vom 02.11.2013 - 08:12 

knuf
Dabei seit:29.09.2005
Kommentare 
Korallenriff:85
Lexikon:4

Hallo zusammen,

im Gegensatz zum Fishselector bezieht sich Ina´s Bericht auf den Beckenaufbau und die Aquarienform. Also eine weitaus geeignetere Konstellation für die Haltungsbeurteilung als die reine Literanzahl. Daher auch von mir die Frage: Wo schwimmt so ein Tier wohl lieber? In einem 100x100x100 cm Würfel mit 1000 Litern oder in einem Becken mit 200x50x50 cm (500 Liter). Meiner Meinung nach gewinnt das Becken mit 500 Litern, wenn der Aufbau schön luftig ist.

Gruß,

Ben
Beitrag vom 01.11.2013 - 19:37 

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